19.11.05 Konzert in Bitterfeld

"In Halle werden die Doofen nicht alle und in Bitterfeld werden sie hergestellt", sprach der weise DJ Schimpagner und startete den Motor des Schmachwanderunk-Tourbusses. Draußen war es bitterkalt und von den Bäumen regnete es erfrorene Vogelkinder aufs Autodach. Endlich war es soweit - nach langer Schaffenspause stand mal wieder eine Live-Orgie der unglaublich talentierten, rebellischen Untergrundmusiktanzkapelle Schmachwanderunk an. Diesmal im MKJC in Bitterfeld. Ich habe mal gehört, dass Bitterfeld als eine der meisten Städte der DDR bezeichnet wurde. Außerdem soll dort ja bekanntlich auch die berühmte Bitterschokolade das Licht der Welt erblickt haben. Als weitere Erfindungen, die auf das Konto bitterfelderischen Erfindergeistes gehen, wären hier noch zu nennen: Bitterlemon, Bittermandel, Bitterstulle, Bitterwurst, Bitterstulle mit Bitterwurst sowie Bitter Sweet Symphony.

Alle Bandmitglieder waren von großer Freude erfüllt, in einer Stadt mit solch gesellschaftsprägender Kultur spielen zu dürfen. Vor Aufregung konnte man schon tagelang im Voraus weder Essen, Schlafen noch an gesellschaftlich-kulturellen Ereignissen teil nehmen. Man schloss sich eine Woche vorm Auftritt von jeglichen Sozialisationsprozessen aus.

Nach ca. 1 stündiger Fahrt durch die schöne Provinz Brandenburgs und Sachsen Anhalts sah man schon von Weitem die rauchenden Schornsteine der Rauchfabriken, welche ihre Münder gen Himmel streckten und graue Wolken wie den Tabakqualm aus einer vom Krebs zerfressenen Lunge in die Stratosphäre bliesen. Bitterfeld besteht zum größten Teil aus Rauchfabriken. Dort werden die unterschiedlichsten Rauchsorten hergestellt. Als Beispiel wäre hier der berühmte Kettenrauch zu nennen. Ferner wären da noch Weihrauch, Myrrhe und Salbei. Diese spielen allerdings in der Rauchherstellung eine sehr untergeordnete Rolle. Viele Bürger Bitterfelds, sogenannte Bitbürger, sind auch in der Rauchindustrie tätig. Vorwiegend als Räuchermännchen in den Geschmacksrichtungen Vanille, Erdbeer, Salamie und Chef.

Als wir schließlich iin Bitterfeld einfuhren, fanden wir Dank ein Paar netter Dessauer Damen auch direkt den Weg ins MKJC. Dort angekommen begrüßte man sich mit Floskeln wie "Hallo", "Guten Tag", "Wir sind Schmachwanderunk, wo gibts hier Bier?" oder "Wo ist die Toilette?". Nach Klärung dieser grundlegenden Fragen saßen wir irgendwann mit Bier und Zigaretten im Backstageraum und rauchten und tranken. Der Backstageraum war äußerst abwechslungsreich gestaltet. Überall hingen Poster mit etwas drauf, was irgendwo, irgendwann mal ist. Zum Beispiel eine Veranstaltung oder weitere Dinge, die schon mal waren, hingen dort. Wahrscheinlich, dass man später mal sagen kann: "Hey, weißte noch das Poster da, als die Veranstaltung noch nich war, und wir schon uns drauf gefreut haben, da hin zu gehen, nache Arbeit inne Rauchfabrik...da war ich noch so und so alt, man wat warn wir da jung!"

Nach einer Stunde Backstageraum-Angucken gabs auch was zu Essen - Tomatensuppe ohne Mostrich - dafür aber mit Brötchen und dem typisch türkischen Gewürz "scharf". Mir schmeckte die Suppe lecker, Micha dagegen bekam einen Hustenanfall, da er allergisch auf "scharf" reagiert.

Kaum hatten wir unsere Suppe ausgelöffelt, ging es auch schon zum Soundcheck. Soundcheck ist ein englisches Wort und bedeutet in Musikkreisen soviel wie "Ton nachgucken". Da guckt man auch ob der Ton ordentlich ist, damit es später keine bösen Überraschungen beim Konzert gibt. Beim Soundcheck befand sich auch schon der eine oder andere Konzertgast im Saal. Unter ihnen der Meckerer von Dessau. Der Meckerer von Dessau ist ein lustig anzusehender Irokesenträger, der schon in Dessau, wo wir als Vorband von 3. Wahl spielten, lautstark seine Missgunst uns gegenüber in Form von verbalen Äußerungen wie "Ihr seid Scheiße", "Lasst mal lieber 3. Wahl spielen" oder anderem schlauen Gedöns, kundtat. Beim Soundcheck in Bitterfeld meckerte der Meckerer wieder kräftig los, was sich beim Konzert auch nicht änderte. Allerdings stand er, genau wie in Dessau, die ganze Zeit vor der Bühne und guckte sich unsere Show an. Wahrscheinlich ein nicht verarbeiteter innerer Konflikt, der sich in ständiger Meckerei äußert.

Das Konzert selbst würde ich als gelungen bezeichnen. Wir spielten unsere Lieder größtenteils ohne Fehler und DJ Schimpagner brachte erstmals seinen Kontrabass Marke Eigenbau mit ein. Zu erwähnen wäre noch, dass während der Ankündigung des Schwesterliedes ein lautstarkes "Sexisten" aus dem Publikum gerufen wurde. Ich spielte kurz mit dem Gedanken, "Fick Dich Du Fotze" zu rufen, ließ dies jedoch bleiben, da ich es als äußerst sexistisch empfand, eine mir unbekannte Dame einfach zu dutzen. Ansonsten scheint es auch einigen Leuten gefallen zu haben, da wir doch etwas Applaus und Zugabe-Rufe erhielten. Vielen Dank an dieser Stelle an das Publikum, den Veranstalter und Jule, die das "klargemacht" hat.

Ich möchte nun mit einem Zitat der berühmten Erotik-Performace-Künstlerin Gina Wild abschließen, welches da lautet: "Soll ich das Sperma schlucken oder ausspucken Herr Doktor?"

Keckmasterkeck.

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